Der CommTech Index Report 2025 liefert einen Befund, der zunächst wie ein Umsetzungsproblem wirkt. Bei näherer Betrachtung ist er etwas anderes: ein Symptom dafür, dass die Kommunikationsbranche ihr eigentliches Problem noch nicht benannt hat.

Quelle: CommTech Index Report 2025
88%
experimentieren mit KI-Tools
8%
haben Rollenprofile angepasst
6%
haben ihre Organisationsstruktur verändert

Die naheliegende Interpretation: Die Branche ist langsam. Sie experimentiert, ohne zu transformieren. Werkzeugadoption statt Wandel.

Das stimmt — aber es erklärt nicht, warum.

Wer 88 Prozent Experimentierfreude und sechs Prozent Strukturveränderung als Umsetzungsproblem deutet, vermutet einen Willensmangel. Eine schnellere Adoption, bessere Change-Management-Programme, mutigere Führungsentscheidungen — und das Problem löst sich.

Diese Diagnose greift zu kurz. Nicht weil die Branche schnell genug wäre. Sondern weil das Hindernis nicht der Wille ist. Es ist das Modell.

Kernthese

Kommunikation wurde jahrzehntelang über ihre Tätigkeiten beschrieben. KI automatisiert genau diese Tätigkeiten — und macht damit sichtbar, was das Modell nie erklärt hat: Worin der eigentliche Wertbeitrag der Kommunikationsfunktion besteht. Diesen Wertbeitrag neu zu beschreiben, ist das eigentliche Problem.

Warum KI ein Modellproblem sichtbar macht

Kommunikation war immer eine Wissensfunktion. Wer Botschaften formuliert, trifft Entscheidungen über Bedeutung. Wer Themen setzt, steuert Wahrnehmung. Wer Narrative entwickelt, strukturiert, wie eine Organisation verstanden wird. Das war schon immer Wissensarbeit — es wurde nur nie so beschrieben.

Stattdessen beschrieb sich Kommunikation über ihre Tätigkeiten. Recherchieren. Schreiben. Kanäle bespielen. Inhalte produzieren. Das war das Modell. Und es funktionierte — solange Tätigkeit und Wertbeitrag deckungsgleich waren.

KI bricht diese Deckungsgleichheit auf. Texte schreiben, Recherchearbeit zusammenfassen, Postings erstellen — das übernimmt KI zuverlässig. Und genau deshalb experimentieren 88 Prozent: Sie setzen KI dort ein, wo das Tätigkeitsmodell Raum lässt.

KI macht die Lücke sichtbar zwischen dem, was Kommunikation heute tut, und dem, was sie eigentlich leisten könnte.

Die sechs Prozent, die ihre Organisationsstruktur verändern, haben diese Lücke erkannt. Nicht als Umsetzungsproblem, das schnellere Adoption löst. Sondern als Modellproblem: Das bisherige Bild der eigenen Funktion erklärt nicht mehr, welche Rolle Kommunikation künftig einnehmen soll.

Das Tätigkeitsmodell und seine blinden Flecken

Das Tätigkeitsmodell hatte eine innere Logik: Mehr Inhalte bedeutete mehr Reichweite. Mehr Reichweite bedeutete mehr Sichtbarkeit. Mehr Sichtbarkeit bedeutete Reputation. Die Frage, was hinter der Sichtbarkeit steht — welches Wissen sie transportiert, welche Orientierung sie erzeugt, welche Wirkung sie auslöst — blieb ausgeblendet.

KI beschleunigt das Tätigkeitsmodell. Aber Beschleunigung verändert keine Logik. Wer schneller falsche Fragen stellt, kommt nicht zu richtigen Antworten.

Tätigkeitsmodell — wie Kommunikation sich beschrieb

Kommunikation = Inhalte produzieren

Wert entsteht durch Volumen, Reichweite, Sichtbarkeit

KI-Frage: Was kann ich automatisieren?

Ergebnis: schnellere Produktion — gleiche Logik, kein struktureller Wandel

Wissensmodell — was Kommunikation immer schon war

Kommunikation = Bedeutung strukturieren

Wert entsteht durch Orientierung, Einordnung, Wirkung

KI-Frage: Was kann ich besser verstehen und steuern?

Ergebnis: tieferes Urteil, andere Architektur, messbarer Beitrag

Das Wissensmodell ist keine Neuerfindung — es ist eine Enthüllung. Es macht sichtbar, was Kommunikation schon immer geleistet hat, aber nie in eine Sprache übersetzt werden konnte, die Organisationsstrukturen begründet.

Die Kette, die zählt

Wenn das Tätigkeitsmodell seine Erklärungskraft verliert, braucht es einen neuen Rahmen — einen, der beschreibt, welchen Beitrag Kommunikation leistet, der nicht automatisierbar ist. Dieser Beitrag lässt sich in einer logischen Kette beschreiben:

1
KI übernimmt Tätigkeiten: Texte schreiben, Recherche, Distribution, Formatierung
2
Das Tätigkeitsmodell verliert seine Erklärungskraft: Was bleibt, wenn die Tätigkeiten wegfallen?
3
Organisationen müssen ihren eigentlichen Wertbeitrag neu beschreiben — jenseits von Kanalarbeit und Produktion
4
Dieser Wertbeitrag liegt in der Strukturierung organisationalen Wissens: Themen, Narrative, Bedeutungszusammenhänge
5
Daraus entsteht Orientierung: Einordnung, Positionierung, geteiltes Verständnis — intern wie extern
6
Daraus entsteht Wirkung: Vertrauen, Legitimität, Akzeptanz — das, wofür Kommunikation strategisch gebraucht wird

In dieser Kette ist Wissen nicht das Ziel — es ist das Material. Orientierung ist nicht das Ziel — sie ist der Mechanismus. Wirkung ist das Ziel. Und es ist das Ziel, das bisher kaum eine Kommunikationsfunktion explizit in ihr Modell eingebaut hat.

Was der CommTech-Befund wirklich zeigt

Die 88 Prozent, die mit KI experimentieren, optimieren das, was Kommunikation heute tut. Das ist rational — innerhalb des bestehenden Modells ist es die naheliegende Reaktion auf neue Werkzeuge. Man verwendet KI dort, wo man sie einsetzen kann: bei den Tätigkeiten.

Die sechs Prozent, die ihre Organisationsstruktur verändern, haben eine andere Frage gestellt: nicht welche Aufgaben KI übernimmt, sondern welche Aufgaben die Kommunikationsfunktion überhaupt haben sollte. Diese Frage lässt sich im Tätigkeitsmodell nicht beantworten. Sie erfordert ein anderes Modell.

Der Report misst keine Adoptionsgeschwindigkeit. Er misst, wie viele Organisationen begonnen haben, den eigentlichen Wirkungshorizont ihrer Kommunikationsfunktion zu beschreiben — und wie wenige es bisher getan haben.

Vier Ebenen, die Kommunikation als Wissensfunktion braucht

Wer Wirkung als Ziel definiert — Vertrauen, Legitimität, Akzeptanz — stellt sofort die Folgefrage: Mit welchen Modellen und Systemen soll das gelingen? Wirkung entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie braucht Strukturen, die aus Inhalten Wissen machen, aus Wissen Orientierung und aus Orientierung Wirkung.

Inhalts­ebene
Content & Signale
Was wird produziert und verbreitet? Beiträge, Pressemitteilungen, Postings, Reaktionen. Das Material — von KI weitgehend automatisierbar.
Wissens­ebene
Themenarchitektur & Communication Graph
Welche Themen besetzt die Organisation strategisch? Wie verhalten sich Themen, Narrative, Stakeholder und Botschaften zueinander? Wo entstehen Widersprüche? Hier liegt der nicht-automatisierbare Wertbeitrag.
Wahrnehmungs­ebene
KI-Wahrnehmung & externe Wissensorte
Welches Bild entsteht in externen Systemen — Medien, KI-Modellen, Stakeholder-Netzwerken? Stimmt es mit dem Selbstbild überein?
Orientierungs­ebene
Communication Intelligence
Was wirkt? Was driftet ab? Was muss korrigiert werden? Systematische Auswertung, die Orientierung — intern wie extern — ermöglicht.
Wirkungs­ebene
Vertrauen, Legitimität, Akzeptanz
Das eigentliche Ziel. Eine Kommune gewinnt keine Punkte für Inhalte — sie braucht das Vertrauen ihrer Bürgerinnen und Bürger. Ein Unternehmen braucht die Akzeptanz seiner Stakeholder. Das ist der Wirkungshorizont, gegen den Kommunikation gemessen werden sollte.

Operative Kommunikation — Inhalte produzieren, Kanäle bespielen, auf Anfragen reagieren — hört nicht auf. Sie wird zur Basis, nicht mehr zur Summe. Was darüber entscheidet, ob Kommunikation ihren strategischen Beitrag leistet, liegt eine Ebene höher: im Wissen, das sie strukturiert, in der Orientierung, die sie ermöglicht, und in der Wirkung, die daraus entsteht.

Was das für die Praxis bedeutet

Der Modellwechsel betrifft nicht zuerst Technologie. Er betrifft Sprache, Struktur und Selbstverständnis.

1
Kommunikation nicht über Kanäle, sondern über Themen organisieren
Nicht: Wir bespielen LinkedIn, Instagram und Presse. Sondern: Wir besetzen drei strategische Themenfelder — und distribuieren sie über alle relevanten Kanäle. Der Unterschied klingt klein; er ist fundamental.
2
Narrative explizit machen — und auf Widersprüche prüfen
Welche Grunderzählung trägt die Organisation? Was sagen verschiedene Abteilungen darüber — und widersprechen sie sich? Widersprüche in Narrativen schwächen Wahrnehmung systemisch. Sie sind unsichtbar, solange man nur Tätigkeiten misst.
3
KI-Wahrnehmung als Messgröße etablieren
Was wissen große Sprachmodelle über diese Organisation? Was schreiben sie ihr zu — an Stärken, Schwächen, Positionen? Diese Wahrnehmung entsteht aus allem, was je über die Organisation veröffentlicht wurde. Sie ist die objektivste externe Sicht, die es gibt.
4
Wirkung zur Messgröße machen — nicht Reichweite
Vertrauen, Legitimität, Akzeptanz sind messbar — nicht perfekt, aber besser als Klicks. Wer mit der Wirkungsebene beginnt, stellt automatisch andere Fragen an Inhalte, Kanäle und Rollen.

Der Gedanke, der bleibt

Kommunikation war immer eine Wissensfunktion. Jahrzehntelang war das nicht sichtbar — weil Tätigkeit und Wert deckungsgleich schienen. KI löst diese Deckungsgleichheit auf. Und genau darin liegt die eigentliche Bedeutung des CommTech-Befundes.

Die 88 Prozent scheitern nicht an Mut oder Ressourcen. Sie optimieren das, was das Tätigkeitsmodell sichtbar macht. Die sechs Prozent haben begonnen, das Modell selbst zu wechseln — und stellen jetzt andere Fragen.

Die entscheidende Verschiebung

Nicht: Wie setze ich KI in meiner Kommunikationsabteilung ein?

Sondern: Was soll meine Kommunikationsfunktion leisten — nicht operativ, sondern strategisch? Welches Wissen strukturiert sie? Welche Orientierung ermöglicht sie? Welche Wirkung erzeugt sie?

Wer diese Fragen beantwortet, für den ist KI nicht das Problem. KI wird zum Werkzeug für etwas, das es ohne das neue Modell gar nicht gäbe.